Zwischen Einnahmen und Industriepolitik: Die USA prüfen ihren eigenen CO₂-Grenzmechanismus
CBAM Weekly – Issue 50
Erste Modelle, erste Berechnungen
Während in der EU der CBAM kurz vor dem Übergang zur finanziellen Phase steht, mehren sich in den USA die Anzeichen für einen ähnlichen Kurswechsel. Verschiedene Gesetzesinitiativen, darunter der „Clean Competition Act“ (CCA) und der „Foreign Pollution Fee Act“ (FPFA), haben konkrete Vorschläge für ein amerikanisches Carbon Border Adjustment Mechanism auf den Tisch gebracht. Eine neue Studie der Harvard Kennedy School gibt nun erstmals einen detaillierten Einblick in das ökonomische Potenzial dieser Pläne – und zeigt: Die Einnahmepotenziale sind enorm. Je nach Ausgestaltung könnten US-Grenzausgleichsabgaben zwischen 3,2 Milliarden und 198 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre generieren. Besonders relevant: Der US-Industriestandort schneidet im internationalen Vergleich in vielen Sektoren emissionsärmer ab – ein möglicher Wettbewerbsvorteil, wenn CO₂ weltweit stärker bepreist wird.
Unterschiedliche Modelle mit weitreichenden Effekten
Die Analyse vergleicht zwei zentrale Gesetzesentwürfe: den CCA, der auf einem klassischen CO₂-Preis basiert, und den FPFA, der stattdessen einen Wertzoll erhebt. Während der CCA in seiner ambitioniertesten Variante rund 85,5 Milliarden US-Dollar einspielen könnte, bringt es der FPFA – mit einem rechnerischen Preis von 1.200 US-Dollar pro Tonne CO₂ – sogar auf 198,1 Milliarden US-Dollar. Dabei stützen sich die Berechnungen auf reale Handelsdaten, sektorspezifische Emissionsintensitäten und nationale CO₂-Preise. Die Studie kategorisiert Handelspartner zudem nach ihrer Exposition: Besonders betroffen wären Länder mit hohem Exportvolumen und hoher Emissionsintensität – etwa Mexiko, China, Indien oder Brasilien. Länder mit funktionierenden CO₂-Bepreisungssystemen, wie die EU-Staaten oder Kanada, könnten hingegen weitgehend ausgenommen werden.
Wettbewerbsfaktor Dekarbonisierung
Ein bemerkenswerter Befund: Die USA weisen in vielen Industriesektoren – etwa Aluminium, Zement, Papier und Düngemittel – eine deutlich geringere Emissionsintensität auf als ihre Handelspartner. Sollte ein US CBAM eingeführt werden, könnte dies nicht nur Einnahmen generieren, sondern auch den US-Standort in einer CO₂-bepreisten Welt stärken. Ein entscheidender Unterschied zu Europa liegt allerdings in der Inlandsbepreisung. Derzeit existiert kein landesweiter CO₂-Preis in den USA. Während der CCA eine nationale CO₂-Abgabe vorsieht, verzichtet der FPFA darauf. Die Harvard-Studie empfiehlt ausdrücklich, ein CBAM mit einem nationalen CO₂-Preis zu kombinieren: Das würde nicht nur die Glaubwürdigkeit des Mechanismus stärken, sondern auch zusätzliche Einnahmen generieren – und ein klares Signal für die heimische Dekarbonisierung setzen.
Was bedeutet das für CBAM-betroffene Unternehmen?
Noch ist unklar, ob und wann die USA tatsächlich ein CBAM einführen. Politisch sind die Debatten im Gange, konkrete Umsetzungsfristen fehlen jedoch. Fest steht aber: Sollte ein US CBAM kommen, dürfte es die internationalen Wettbewerbsbedingungen für viele Exporteure neu ordnen – insbesondere, wenn keine Anrechnung nationaler CO₂-Preise erfolgt. Für europäische Unternehmen mit Lieferketten in Länder ohne eigene CO₂-Bepreisung könnte das eine neue Front in der Carbon Compliance eröffnen – mit doppelten Belastungen und zusätzlichem Berichtsdruck. Gleichzeitig könnte ein US CBAM aber auch die politische Legitimität des EU CBAM stärken und global zu mehr CO₂-Bepreisung führen.
Fazit
Ein CBAM nach US-Vorbild würde die globale Dynamik der Klimapolitik spürbar verändern. Die aktuellen Vorschläge zeigen, dass der Gedanke nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in Washington als handfeste industriepolitische Maßnahme verstanden wird. Für international tätige Unternehmen ist es jetzt an der Zeit, die geopolitischen Entwicklungen im Blick zu behalten – und die CO₂-Intensität ihrer Produkte weltweit strategisch zu steuern.
Support bei der Umsetzung
Wenn Sie wissen möchten, wie ein mögliches US CBAM Ihre Lieferketten oder Ihre Handelsstrategie beeinflussen könnte, melden Sie sich gerne direkt bei uns unter helge@kolum.earth.