Serbien und CBAM: Zwischen Anpassung und Eigeninteresse
CBAM Weekly – Issue 52
Ein CO₂-Preis als Voraussetzung
Die Einführung des EU CBAM hat nicht nur in den Mitgliedstaaten, sondern auch in den Nachbarregionen erhebliche politische Reaktionen ausgelöst. Besonders deutlich wird das derzeit unter anderem in Serbien. Die Regierung in Belgrad bereitet sich darauf vor, ein nationales CO₂-Bepreisungssystem einzuführen, um den Auswirkungen von CBAM auf Exporte ins EU-Ausland zu begegnen. Hintergrund ist die Regelung, dass ab 2026 für Importe von Strom, Zement, Dünger, Wasserstoff, Eisen, Stahl und Aluminium in die EU CO₂-Kosten anfallen – es sei denn, das Herkunftsland verfügt über ein äquivalentes CO₂-Bepreisungssystem. Serbien ist aktuell das einzige Vertragsland der Energiegemeinschaft, das in der Lage ist, die für CBAM notwendige MRV-Infrastruktur (Monitoring, Reporting, Verification) rechtzeitig umzusetzen. Dies bestätigte auch Jovana Joksimović, stellvertretende Ministerin für internationale Zusammenarbeit und europäische Integration im Energieministerium. Die Implementierung dieser Emissionsüberwachungsinfrastruktur ist Voraussetzung für jede Form nationaler CO₂-Bepreisung – sei es eine Steuer, ein fester CO₂-Preis oder ein Emissionshandelssystem.
Steuer statt Handelssystem
Serbien favorisiert derzeit ein CO₂-Steuermodell mit fixen Preisen über die Einführung eines Emissionshandelssystems. Laut Energieministerin Dubravka Đedović Handanović ist ein regionales ETS nach EU-Vorbild für Serbien vor 2030 keine Option. Die wirtschaftlichen Belastungen wären zu groß, die Umsetzung zu komplex. Stattdessen wird ein nationaler CO₂-Preis bevorzugt, der Unternehmen in der Transformationsphase Planungssicherheit bieten soll. Diese Position wurde zuletzt beim informellen Ministertreffen der Energiegemeinschaft bestätigt. Serbien bereitet derzeit eine umfassende Analyse aller Sektoren vor, die von CBAM betroffen sein könnten. Ziel ist es, ein Preismodell zu entwickeln, das national umsetzbar und gleichzeitig CBAM-kompatibel ist.
Stromsektor im Fokus
Besonders betroffen ist der serbische Stromsektor. Laut Einschätzung des Energieministeriums könnte die CBAM-Bepreisung ohne nationale Kompensationsmaßnahmen zu erheblichen Nachteilen führen. Zwar ist Serbien bereits Teil eines regionalen Strommarkts mit Ungarn und Slowenien und betreibt funktionierende Day-Ahead- und Intraday-Märkte, doch eine CO₂-Bepreisung fehlt bislang. Die Regierung fordert daher, dass beim CBAM für Strom der nationale Strommix für die Emissionsfaktoren herangezogen wird – nicht ein pauschal erhöhter EU-Durchschnitt. Das würde die Lasten fairer verteilen und Anreize für Investitionen in Erneuerbare setzen. Die europäische Netzagentur ENTSO-E hat in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, die Methodologie für indirekte Emissionen im Rahmen von CBAM während der Übergangsphase zu überarbeiten. Bisher werden für den in die EU importierten Strom und dem im Drittland bei der Produktion verbrauchten Strom unterschiedliche Emissionsfaktoren herangezogen.
Druck auf Unternehmen steigt
Die zeitliche Komponente ist dabei entscheidend. Sollten Stromexporte ab 2026 voll unter CBAM fallen und Serbien bis dahin keine anerkannte CO₂-Bepreisung eingeführt haben, wären die Exporteure zusätzlichen Kosten ausgesetzt. Gleichzeitig drohen Verzögerungen bei der Umsetzung der für CBAM relevanten EU-Pakete die Aussichten auf eine Ausnahmegenehmigung zu verschlechtern. Die EU-Kommission hat den Mitgliedsstaaten der Energiegemeinschaft signalisiert, dass sie für Übergangsphasen alternative CO₂-Preismodelle akzeptieren würde – solange diese glaubwürdig und rechtzeitig eingeführt werden. In diesem Kontext wäre ein serbisches CO₂-Steuermodell eine realistische Lösung, wenn es mit einem funktionierenden MRV-System einhergeht.
Was bedeutet das für europäische Unternehmen?
Für Importeure aus der EU bringt die Entwicklung sowohl Chancen als auch Unsicherheiten. Serbische Lieferanten könnten in Zukunft CBAM-konforme Emissionsdaten liefern oder durch ein nationales CO₂-System entlastet werden. Das würde Planungssicherheit in der Beschaffung erhöhen. Gleichzeitig sollten Unternehmen, die serbische Vorprodukte importieren, die regulatorische Entwicklung aufmerksam beobachten, um später nicht von Überraschungen getroffen zu werden.
Fazit
Serbien befindet sich in einem politischen und wirtschaftlichen Spannungsfeld. Einerseits will man Teil des europäischen Strommarkts werden und eigene Industrien vor Nachteilen schützen. Andererseits fehlen bislang die technischen und finanziellen Voraussetzungen für eine vollständige Integration in das EU ETS. Die Einführung eines nationalen CO₂-Preises scheint ein gangbarer Kompromiss zu sein – mit konkreten Auswirkungen auf Lieferketten, Stromimporte und die strategische Planung europäischer Unternehmen.
Support bei der Ausrichtung
Wenn Sie wissen möchten, wie sich ein serbisches CO₂-Bepreisungssystem auf Ihre Lieferketten oder Ihre CBAM-Berichtspflichten auswirken könnte, melden Sie sich gerne direkt bei uns unter helge@kolum.earth.