CBAM, Mercosur und die Debatte um globales Carbon Pricing
CBAM Weekly – Issue 60
Neue Handelsabkommen im Spannungsfeld von Klimapolitik
Die Europäische Kommission hat den Abschluss zweier großer Handelsabkommen vorgeschlagen: des EU-Mercosur-Partnerschaftsabkommens und des modernisierten Globalabkommens mit Mexiko. Sie sollen Marktzugang schaffen, geopolitische Resilienz stärken und strategische Partnerschaften ausbauen. Doch sie werfen auch heikle Fragen für das CO₂-Grenzausgleichssystem auf, vor allem im Hinblick auf Carbon Leakage und regulatorische Kohärenz. Das Abkommen mit den Mercosur-Staaten – Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay – würde eine der größten Freihandelszonen der Welt schaffen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass zollfreie Exporte aus emissionsintensiven Industrien ohne vergleichbare CO₂-Bepreisung die Wirksamkeit von CBAM untergraben könnten. Die EU-Regeln sehen explizit vor: Eine Ausnahme von CBAM ist nur möglich, wenn das Partnerland ein gleichwertiges Bepreisungssystem nachweist.
Brasilien setzt eigene Akzente – Debatte um globales Carbon Pricing
Besonders spannend hierbei ist, dass Brasilien, als wichtigster Mercosur-Partner, eine neue klimapolitische Agenda verfolgt. Mit Blick auf die COP30 in Belém will die Regierung nicht nur den Regenwaldschutz, sondern auch die Einführung eines internationalen Rahmens für CO₂-Preissysteme vorantreiben. Die Idee ist, dass nicht nur allein die EU über CBAM den globalen Standard setzt, sondern eine „Koalition“ großer Volkswirtschaften – angeführt von Brasilien, der EU und China – gemeinsame Grundregeln für die Interaktion ihrer Systeme entwickeln soll. Damit würde CBAM indirekt zu einem Hebel für internationale Klimapolitik: Wer ein eigenes CO₂-Preissystem einführt, mindert die Abgaben an der EU-Grenze und behält Einnahmen im eigenen Land. Brasilien hat dazu im vergangenen Jahr bereits ein Emissionshandelssystem beschlossen, das bis 2030 voll greifen soll. Das ist ein klares Signal, CBAM nicht nur hinzunehmen, sondern in eine globale Lösung zu überführen.
Was das für CBAM bedeutet
Für die EU ergeben sich damit Chancen und Risiken zugleich. Einerseits könnte ein abgestimmtes Carbon Pricing die Glaubwürdigkeit von CBAM stärken und Doppelbelastungen vermeiden. Andererseits stellt sich die Frage, ob die EU bereit ist, Abstriche an ihrem Modell zu machen, etwa durch flexiblere Regeln für Schwellenländer oder eine teilweise Verwendung der CBAM-Einnahmen für internationale Klimafinanzierung. Für Unternehmen bleibt entscheidend: CBAM-Pflichten gelten unabhängig von Freihandelszöllen, solange keine formelle Gleichwertigkeit bei der CO₂-Bepreisung besteht. Auch mit den neuen Handelsabkommen werden Importeure aus Mercosur und Mexiko daher Emissionen melden und CBAM-Zertifikate erwerben müssen, es sei denn, Brasilien und andere Partner setzen ihre Ankündigungen tatsächlich um und etablieren vergleichbare Bepreisungssysteme.
Ausblick
Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich Handels- und Klimapolitik enger verzahnen lassen. Die Ratifizierung der Abkommen in der EU und die Vorbereitungen auf COP30 in Brasilien laufen parallel, mit potenziell großem Einfluss auf die nächste Entwicklungsphase von CBAM. Für Unternehmen mit Lieferketten nach Lateinamerika heißt das: Entwicklungen genau beobachten, Emissionsdaten aus der Region sichern und auf Szenarien vorbereitet sein, in denen regionale CO₂-Preissysteme entstehen und CBAM-Regeln dynamisch angepasst werden.
Unterstützung bei der Ausrichtung
Wenn Sie wissen möchten, wie sich die Handelsabkommen oder die globale Carbon-Pricing-Debatte auf Ihre CBAM-Pflichten und Lieferketten auswirken könnten, sprechen Sie mich gerne direkt an: helge@kolum.earth.