Der globale CBAM-Dominoeffekt – Wer folgt als Nächster?
CBAM Weekly – Issue 66
CBAM als Vorbild
Mit weniger als fünfzehn Monaten bis zur vollen Umsetzung des EU-CBAM tritt die internationale Klimapolitik in eine neue Phase ein. Was einst als einzelnes regulatorisches Instrument innerhalb der Europäischen Union begann, entwickelt sich zunehmend zu einer globalen Blaupause. Überall auf der Welt analysieren politische Entscheidungsträger das europäische Modell – nicht nur, um dessen Auswirkungen zu verstehen, sondern zunehmend auch, um es zu übernehmen. Für Unternehmen, die mit oder innerhalb der EU handeln, bedeutet das vor allem eines: Die Spielregeln des Welthandels werden entlang von CO₂ neu geschrieben.
Vereinigtes Königreich gibt den Takt vor – CBAM ab 2027
Im Juli 2025 bestätigte das Vereinigte Königreich offiziell, dass es 2027 ein eigenes CBAM einführen wird. Der Mechanismus orientiert sich an der EU und umfasst Sektoren wie Eisen, Stahl, Aluminium, Düngemittel, Zement und Wasserstoff. Eine wichtige Abweichung besteht in der Einführung einer Unternehmensschwelle von 50.000 Pfund pro Jahr, unterhalb derer Importeure ausgenommen sind. Im Vergleich zur bislang gültigen sendungsbezogenen Ausnahme der EU reduziert dies die Berichtspflicht für kleinere Unternehmen. Die EU folgt hier dem Beispiel mit der nun gültigen 50t Grenze. Für Unternehmen, die auf beiden Seiten des Kanals tätig sind, entstehen mit dem UK CBAM zwei parallele Systeme, die sich strukturell ähneln, aber operativ unterscheiden.
Nordamerika geht unterschiedliche Wege
Kanada bewegt sich schnell. Bereits Anfang des Jahres begonnene Konsultationen zielen darauf ab, einen CBAM in das bestehende nationale CO₂-Preissystem zu integrieren. Besonders im Fokus stehen Sektoren wie Aluminium und Zement, die durch eine CO₂-Kostenverlagerung an Wettbewerbsfähigkeit verlieren könnten. Ein Gesetzesentwurf wird noch vor Jahresende erwartet. Kanada prüft zudem, inwiefern der nationale CO₂-Preis unter CBAM anerkannt werden kann – ein erster Schritt in Richtung bilateraler Anerkennung. In den USA herrscht zwar politische Blockade, doch das Interesse an CO₂-Grenzmechanismen wächst. Drei Gesetzesvorschläge wurden in den letzten zwölf Monaten eingebracht: der PROVE IT Act zur Emissionsdatentransparenz, der Foreign Pollution Fee Act mit klar protektionistischer Ausrichtung sowie der Clean Competition Act, der dem EU-Modell am nächsten kommt. Keiner der Vorschläge wurde bislang verabschiedet, doch der Druck aus Industrie und Politik steigt.
Ostasien reagiert strategisch
Südkorea betreibt seit 2015 ein nationales Emissionshandelssystem und erweitert dessen Reichweite nun gezielt. Am 10. September bestätigte das Umweltministerium die Einbeziehung des Aluminiumsektors bis spätestens zum zweiten Quartal 2026. Darüber hinaus laufen Gespräche mit der Europäischen Kommission, um das koreanische ETS offiziell anerkennen zu lassen – ein Schritt, der CBAM-Abzüge für Exporte ermöglichen könnte. Taiwan verfolgt einen ähnlich pragmatischen Ansatz. Das Wirtschaftsministerium hat einen Entwurf für eine CO₂-Abgabe vorgelegt und im Oktober 2025 formelle Konsultationen mit Brüssel eingeleitet. Ziel ist die gegenseitige Anerkennung, um Wettbewerbsnachteile bei Exporten zu vermeiden. Taiwan möchte einen eigenes CBAM 2027 einführen. Auch Japan analysiert das CBAM-Modell intensiv. Seit August 2025 läuft eine Konsultation unter Leitung des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie. Während die politische Bereitschaft noch verhalten ist, zeigen Rückmeldungen aus der Industrie ein starkes Interesse an einer Angleichung an EU-Standards.
Indien, Brasilien und Südafrika: Der globale Süden positioniert sich
Indien verfolgt eine doppelte Strategie. Zwar kritisiert die Regierung den EU-CBAM offen bei der WTO, parallel dazu arbeitet sie jedoch an einem nationalen CO₂-Markt. Anfang September veröffentlichte das Energieministerium einen Rahmenentwurf, der zunächst große Industrieemittenten erfassen soll. Zudem laufen bilaterale Gespräche mit der EU zu Transparenz und Übergangsregelungen. Brasilien ist derweil einen Schritt weiter. Am 3. Oktober verabschiedete das Abgeordnetenhaus ein Gesetz zur Einführung eines Emissionshandelssystems, das sich auf Sektoren wie Zement und Stahl konzentriert. Zwar wird CBAM darin nicht explizit genannt, doch führende Politiker betonen, dass das System die Exportfähigkeit in CO₂-bepreisten Märkten absichern soll. Südafrika verfolgt einen anderen Ansatz: Statt ein neues System aufzubauen, fordert das Land die Anerkennung seiner bestehenden CO₂-Steuer, die seit 2019 in Kraft ist. Derzeit laufen Gespräche mit der EU, um eine Doppelbelastung zu vermeiden.
Die Türkei bereitet sich vor
Auch die Türkei hat begonnen, auf CBAM zu reagieren. Im Juli 2025 veröffentlichte das türkische Umweltministerium einen Entwurf für ein nationales Emissionshandelssystem, das ab 2026 schrittweise eingeführt werden soll. Ziel ist es, türkische Exporteure – insbesondere aus der Stahl- und Zementindustrie – auf die steigenden Anforderungen des EU-Marktes vorzubereiten. Parallel dazu werden Verhandlungen über eine mögliche gegenseitige Anerkennung mit der EU geführt.
Annäherung über Grenzen hinweg
Trotz sehr unterschiedlicher politischer Systeme zeichnen sich erste Gemeinsamkeiten ab. Südkorea und Taiwan führen bereits gemeinsame technische Gespräche mit der EU. Kanadas Konsultationen orientieren sich teilweise an japanischen Prüfverfahren. Diese Überschneidungen deuten darauf hin, dass sich – schrittweise – ein global kompatibler CBAM-Rahmen abzeichnet. Sollten bilaterale Anerkennungsmechanismen erfolgreich implementiert werden, könnte dies nicht nur die Compliance vereinfachen, sondern auch die Gefahr protektionistischer Auswüchse reduzieren. Was bedeutet das für europäische Unternehmen? Erstens: Multinationale Unternehmen müssen sich auf komplexe, überlappende Regelwerke einstellen. Unterschiedliche Berechnungsmethoden, Schwellenwerte und Fristen erfordern abgestimmte Daten- und Berichtssysteme. Zweitens: Wer frühzeitig in Emissions- und Lieferantentransparenz investiert, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil – durch geringere Kosten, schnellere Reaktionszeiten und regulatorische Sicherheit. Drittens: Die Handelsstrategie wird sich ändern. CO₂-Preise beeinflussen künftig nicht nur Margen, sondern auch Lieferantenwahl und Vertragsgestaltung. Wer die regulatorische Entwicklung in Drittländern kennt, ist klar im Vorteil.
Fazit
CBAM ist längst kein europäischer Sonderweg mehr. Der Mechanismus hat sich globalisiert. In immer mehr Ländern geht es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie der Einführung. Für Unternehmen in der EU bedeutet das: Vorbereitung ist keine Option, sondern Pflicht. Wenn Sie Ihr Unternehmen auf CO₂-Bepreisung in mehreren Ländern vorbereiten möchten, schreiben Sie mir gerne an helge@kolum.earth. Wir unterstützen Sie dabei!