Kein Zoll, sondern ein Preis: Was neue Zahlen zu Indiens Stahl über den CBAM zeigen
CBAM Weekly – Issue 107
Zwei Meldungen, eine Frage
Der Thinktank Sandbag hat in einer neuen Analyse vorgerechnet, dass Indiens Stahlsektor deutlich niedrigere CBAM-Kosten erwarten kann als befürchtet. Fast zeitgleich nannte der US-Botschafter bei der EU den CBAM in einem Gastbeitrag in der Financial Times einen Zoll unter anderem Namen. Was ist der CBAM nun eigentlich, ein Handelshemmnis oder ein Preis auf Emissionen?
Was Sandbag vorrechnet
Die am 4. August veröffentlichte Analyse rechnet drei Szenarien für Indiens Stahlexporte in die EU bis 2034. Bleibt alles beim Alten, summieren sich die CBAM-Kosten auf rund 762 Millionen Euro. Lenken indische Hersteller ihre bereits vorhandene emissionsärmere Produktion gezielt auf den EU-Markt um, sinkt die Rechnung auf rund 407 Millionen Euro. Rechnet man Preisaufschläge für grüneren Stahl gegen, bleiben rund 79 Millionen Euro. Die Spanne zwischen dem schlechtesten und dem besten Szenario beträgt fast das Zehnfache, bei identischen Exportmengen. Sandbag-Direktor Adrien Assous legte am 10. August im Gespräch mit S&P Global nach, die befürchteten Kosten seien wohl deutlich überzeichnet. Indiens Stahlindustrie habe das Know-how und die Größe, den CBAM-Effekt zu absorbieren, wenn die Lieferanten richtig reagieren. Gleichzeitig handelt es sich bei dem gezielten Umleiten von emissionsarmen Produkten um Ressource-Shuffling, was die Europäische Kommission als Umgehung der Maßnahme unterbinden möchte. Denn hierdurch wird der Anreiz, klimaschädliche Emissionen einzusparen, unterlaufen.
Warum ein Zoll das nicht könnte
Genau diese Spanne ist der Punkt. Ein Zoll bemisst sich am Wert oder an der Menge einer Ware und lässt sich, sofern kein Präferenzabkommen vorliegt, nicht selbst gestalten. Die CBAM-Kosten entstehen anders. Der Zertifikatspreis folgt dem Durchschnitt der EU-ETS-Auktionen, im ersten Quartal 75,36 Euro je Tonne, im zweiten 75,28 Euro. Wie viele Zertifikate ein Importeur abgeben muss, hängt allein an den eingebetteten Emissionen der Ware. Verifizierte reale Anlagenwerte statt Standardwerten senken die Abgabepflicht, ein im Drittland bereits gezahlter CO₂-Preis wird angerechnet, die Durchführungsregeln dazu liegen im Entwurf vor. Wer sauber produziert, zahlt wenig, im Grenzfall nichts. Ein Instrument mit dieser Eigenschaft verteuert die CO₂-Intensität einer Ware, nicht per se ihre Herkunft.
Der Vorwurf aus Washington, kurz eingeordnet
Vor diesem Hintergrund trägt der Gastbeitrag vom 12. August nicht weit. EU-Hersteller zahlen im Emissionshandel denselben CO₂-Preis, den Importeure über CBAM-Zertifikate entrichten, und mit dem Auslaufen der kostenlosen Zuteilung wird diese Gleichbehandlung schrittweise vollständig. Die Sandbag-Zahlen zeigen zudem, dass die Kostenlast keinem Land pauschal auferlegt wird, sondern der Emissionsintensität der einzelnen Anlage folgt, sofern ausreichend verifizierende Prüfer vorhanden sind. Ökonomisch bleibt er ein Grenzausgleich des europäischen CO₂-Preises.
Der Hebel liegt im Einkauf
Für EU-Importeure ist die Sandbag-Rechnung allerdings kein Grund, sich zurückzulehnen. Wenn indische Hersteller emissionsärmere Produktion auf den EU-Markt umlenken, entscheidet die Lieferantenauswahl darüber, auf welcher Seite der Zehnfach-Spanne die eigenen CBAM-Kosten landen. Wer jetzt verifizierte Anlagendaten von seinen Lieferanten einfordert und sein Portfolio nach realen Emissionen statt nach Standardwerten kalkuliert, macht aus dem CBAM einen steuerbaren Kostenfaktor.
Ausblick
Anfang Oktober veröffentlicht die Kommission zudem den Zertifikatspreis für das dritte Quartal, den nächsten Datenpunkt für die Kostenplanung. Außerdem stehen noch weitere Rechtsakte für EU und UK CBAM aus. Wir beobachten beides für Sie.
Support
Wenn Sie wissen möchten, wie groß die Spanne zwischen Standardwerten und realen Anlagenemissionen bei Ihren eigenen Importen ist, oder wie Sie verifizierte Daten von Ihren Lieferanten systematisch einholen, schreiben Sie mir gerne an helge@kolum.earth.